“Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.” (Friedrich Nietzsche)
Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass viele nicht automatisch auf das Referenzobjekt der Kampagne schließen. Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Nachtrag zu meinem letzten UNHATE Artikel:
Angespielt wird mit den Bildern der neuen Werbekampagne von Benetton auf den historischen “Sozialistischen Bruderkuss”. Eine Tradition und Form der Ehrerbietung sowjetischer Machthaber untereinander, die Freude, Brüderlichkeit, Gleichheit und Solidarität ausstrahlen sollte. Alles im Rahmen der neuen Aktion unter dem Wort “unHATE” zusammengefasst. Der bekannteste Kuss dieser Art war die Begrüßung zwischen Leonid Breschnew (UdSSR) und Erich Honecker (DDR).
Im Mai 2009 kam der Bürgerkrieg in Sri Lanka, nach dem endgültigen militärischen Sieg der sri-lankischen Armee und dem Tod des Rebellenführers Velupillai Prabhakarans, sowie der gesamten Führungselite der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam), zu einem blutigen Ende. Fast 300.000 Menschen wurden mit den tamillischen Rebellen aus ihren Häusern getrieben und auf kleinen Landstreifen gefangen gehalten, um daraufhin von Land, Luft und Meer beschossen zu werden. Das Projekt eines unabhängigen Staates “Tamil Eelam” war nach 26 Jahren endgültig gescheitert. Der Krieg hatte dabei zwischen 80.000 und 100.000 Menschenleben gefordert. Während die grenzüberschreitende Berichterstattung unabhängiger Medien zu diesem Zeitpunkt so gut wie abgebrochen war, sodass die schrecklichen Geschehnisse der letzten Monate weitgehend undokumentiert blieben, schaffte es Priyath Liyange vom BBC, einige Aufnahmen zu erlangen und auszuwerten. Dabei erhaschte er einen zufälligen Blick auf einen kleinen Jungen mit Geigenkasten, auf der Flucht durch das Schlachtfeld. Fasziniert von dieser Gestalt, die sich zu so schweren Zeiten für das eigene Instrument als wichtigstes Gut entschieden hatte, machte sich der Reporter nun, zwei Jahre später, auf die Suche nach dem musikliebenden Kind. Er fragte sich: “At a time when people took the one thing they could carry, why was the instrument so precious?” [BBC] Nur mit wenigen Gefährten und einem Bild des Jungen ausgestattet, begleitete ihn die reine Hoffnung fündig zu werden auf dem Weg durch ein neues Sri Lanka nach dem Krieg. Auf seiner Suche begegnete er anderen sri-lankischen Musikern, von denen zumindest einige es geschafft hatten ihre Instrumente durch das Chaos und die Zerstörungen der Kämpfe zu retten.
Der Film bietet einen seltenen Einblick auf die verheerenden Folgen von Krieg auf die Musikkultur. Während Kämpfe eigentlich keine Zeit und keinen Raum für, über das Grundlegendste hinaus gehende Güter bieten, gibt es doch stets Menschen denen das eigene Instrument so wichtig ist, dass sie es allem anderen, vielleicht sogar Lebensnotwendigerem vorziehen. So auch der faszinierende kleine Junge mit seiner Violine.

Itau Talgams TED Talk “Lead like the great conductors” ist eine hervorragende Zusammenstellung verschiedener Stile des Dirigierens. Wer sich schon immer gefragt hat, was dieser “Hampelmann” an der Spitze des Orchester, eigentlich dort zu suchen hat, kommt in diesem Vortrag auf seine Kosten. Ersehnte, nachvollziehbare Antworten auf die Frage nach der Aufgabe des Dirigenten werden gegeben und anhand prominenter Beispiele, wie Riccardo Muti, Richard Strauß, Herbert von Karajan, Carlos Kleiber und Leonard Bernstein, veranschaulich.
Nach 15 Jahren Orchestererfahrung kann ich nur hinzufügen, dass es tatsächlich einen großen Unterschied macht, von wem man dirigiert wird. Neben dem Dirigierstil, spielt dabei auch die Art der Probenarbeit eine große Rolle.
Obwohl hier TED Talks immer über Youtube geposted werden, gibt es auch die Möglichkeit die Vorträge direkt auf der Seite von TED zu gucken. Dort lassen sich deutsche Untertitel hinzuzufügen.
Eine bewegende Sinfonie über den Sankt Petersburger “Blutsonntag” des Jahres 1905. Ein halbes Jahrhundert, nachdem ein friedlicher Sternmarsch für menschenwürdigere Arbeitsbedingungen, Meinungs- und Religionsfreiheit von den Soldaten der Armee des Zaren niedergeschossen wurde, stellte Schostakowitsch sein historienkritisches Werk dem, unterdessen sowjetischen Publikum vor.
Ein weiteres halbes Jahrhundert später, ist das Stück sowie die Thematik wieder erschreckend aktuell. Die Repressionen, die zum “Arabischen Frühling” führten oder diesen zu unterdrücken versuchten, gilt es für unsere Gesellschaft auch kulturell zu verarbeiten. Bis neue Werke geschaffen werden, die der politischen Komplexität und gesellschaftlichen Dramatik, sowie dem entstandenen individuellen Leid, auf intellektueller sowie emotionaler Ebene gerecht werden, mag es ratsam sein einen Blick in die musikalische Vergangenheit zu werfen. So zum Beispiel auf die 11. Sinfonie des bedeutenden russischen Komponisten und Pianisten Schostakowitsch.
Das Werk ist in g-moll geschrieben und besteht aus vier Sätzen, die thematisch unterteilt sind. Der erste Satz heißt “Der Palastplatz” und ist als Adagio notiert. Es folgen der zweite Satz mit dem Titel “Der neunte Januar” (Allegro), ein dritter Satz als “Ewiges Andenken” (Adagio) und zum Schluss das Allegro non troppo mit dem Namen “Sturmgeläut”. Der letzte Satz ist ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft. Er ist Ausdruck der Vision eines politischen Umbruchs, wie sie auch in den Köpfen der heutigen Vordenker der Revolution entstanden ist. Durch den Blickwinkel der Moderne, mag uns der letzte Teil des Werkes an den erwünschten Wechsel der Jahreszeiten, hin zu einem “arabischen Sommer”, dessen Früchte in den Herzen der Kinder der Revolution heranreifen, erinnern.