Warum so einsam?

Nun. Wir leben in einer Welt in der wir uns ständig mitteilen. Zu jeder diffusen scheiße gibt es einen Blogeintrag, eine Insta-Story, einen Tweet, ein Pinterest-Board, oder ein Meme.

Es war noch nie so leicht Menschen zu erreichen und es war noch nie so schwer Zugang zu sich selbst zu finden. Wir sind ständig in Erklärungszwang, wir haben es verlernt uns zu langweilen, wir haben es verlernt Stille auszuhalten und mit uns alleine zu sein. Wir werden unruhig, wenn uns keine Geräusche sedieren.

Ich stelle mir manchmal vor, dass unser Gehirn bei unserer Geburt eine warmherzige, gute Stimme hatte, die liebevoll und fürsorglich Warnungen und Bedürfnisse kommunizierte und darum bat diese umzusetzen, oder zu artikulieren, damit sich jemand unserer annehmen konnte. Irgendwann, waren wir einmal zu beschäftigt um der Stimme Aufmerksamkeit zu schenken. Die Stimme so: Hey…hey precious…ehm, ich glaube wir brauchen mal wieder etwas Zeit für uns mh? Vielleicht gehst du besser und legst dich etwas hin, mh?

Und wir so: …aber alle anderen sind noch da, vielleicht bin ich uncool, wenn ich gehe, vielleicht verpasse ich etwas, vielleicht werde ich abgehängt…nur noch fünf Minuten. Addiert man nun ein paar Jahre und viele Konversationen wie diese, hat sich der Status quo drastisch verändert. Die Stimme die einst so sanft war ist nun schrill und schreiend, die Frequenz zerreißt unsere Nerven und entzieht sich mittlerweile unserer Sprache. Wir haben keinen Zugriff mehr und plötzlich sind wir und diese Stimme, keine symbiotische Einheit mehr, sondern Feinde. Die Überforderung und Dauerbelastung die dieses entmenschlichte Kreischen in uns auslöst, mündet in Hass der Stimme gegenüber. Jeder der an einer chronischen körperlichen Krankheit leidet, weiß wovon ich rede. Man hasst seinen Körper für den Schmerz mit dem er uns abfuckt. Dabei kann der Körper nicht viel dafür. Diese Stimme schreit uns nicht an und bereitet uns damit schmerzen, die Stimme selbst schreit vor Schmerz. Wir haben eine Trennwand zwischen uns und unsere Bedürfnisse gebracht. Wir haben uns Stück für Stück unserer Natürlichkeit und Menschlichkeit beschnitten zugunsten einer technologischen Welt, für die unser organischer Körper nicht bereit ist. Wir haben uns einlullen lassen von dem elektronischen Süßigkeitenladen, der uns präsentiert wurde (in Form von Internet/Handys etc.). Versteht mich nicht falsch, auch wenn ich mich manchmal in die platonische Höhle zurücksehne, bin ich dankbar für den Komfort, den meine Zeit mit sich bringt, ich bin weit davon entfernt Vergangenes zu romantisieren, nur weil es easier to handle war. Ich weise lediglich darauf hin, dass wir es verpasst haben uns angemessen mit Achtsamkeit zu bewaffnen, als wir der Göttin der Ablenkung gegenüber traten. Warum haben wir diesen Punkt verpasst? Weil wir zu arrogant waren. Weil wir zu beseelt von unserem eigenen Genius waren. Der Mensch kann schon längst nicht mehr die Waffen überleben die er selber schuf. Welche Arroganz steckt dahinter, externe Ressourcen zu generieren und unreflektiert zu nutzen, bevor wir einschätzen können wie sehr unsere inneren Ressourcen darunter leiden?

Jeder redet über Sex, keiner redet über Gefühle. Ich könnte mein ganzes Leben damit verbringen, anderen Leuten beim Leben zuzusehen. Ich würde einsam und emotional deformiert verhungern, weil ich vergesse wie dreidimensionale Nahrung schmeckt, wenn ich nur noch Bilder von süßen Katzen und sexpositive Tumblr Posts esse.

Und man kann sich ja nicht mal dagegen auflehnen, weil jede Auflehnung bereits kommerzialisiert wurde. Wenn ich ein Achtsamkeitsseminar zur Entschleunigung besuchen will, mache ich einen Online-Meditations-Kurs bei irgendeinem Youtuber. Beziehungsweise nicht mal das: Ich gucke vegane health-concious Kochshows, während ich instant-Ramen vor meinem Computer fresse und ich sehe Marie Kondo dabei zu wie sie das Leben anderer Leute ordnet und generiere damit genug Befriedigung um selbst weiter in meinem stinkenden Chaos leben zu können. Die Perversion der Diskrepanz zwischen virtuell und real ist lächerlich. Das System hat kein Problem mit Kritik an ihm. Es isst sie einfach und reinigt sich die Zahnzwischenräume mit unserer Machtlosigkeit.

Mein Tipp: lest keine Posts mehr: Schreibt selbst welche, oder verwertet irgendwie anders den Content den ihr konsumiert. Nehmt ihn auseinander, zerreißt euch das Maul über meine Blogeinträge, rekonfiguriert und schafft etwas Neues. Für Euch. Am besten etwas, dass man fühlen kann, ohne es an eine Steckdose anzuschließen. Etwas, dass Euch spüren lässt, wie wertvoll Euer Leben ist. Etwas das Euch hilft euch zu finden. Eine gute Serie, ein guter Blogeintrag, sorgt nicht dafür, dass ihr weiter nach ähnlichen Blogeinträgen, oder Serien sucht. Sie machen, dass ihr Euren Laptop zuklappt und nachdenkt. Mit euch allein. Nichts schafft mehr Kreativität als alleine und still sein.

Stellt euch der Kreissäge in eurem Bewusstsein, übertönt sie nicht multimedial. Hört hin. Fragt nach. And the rest is …

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